In Zusammenarbeit mit der Meißner Porzellanmanufaktur wurde ein strukturierter Ablaufplan entwickelt, der die Reproduktion historischer Porzellanfiguren nachvollziehbar macht. Die einzelnen Arbeitsschritte sind in folgender Abbildung schematisch dargestellt, wobei komplexere Teilprozesse durch doppelte Rahmenlinien hervorgehoben sind.
Abb. 12: Ablauf zur Reproduktion Meißner Porzellanfiguren
Zunächst werden farbkalibrierte Fotos der originalen Porzellanfigur aus unterschiedlichen Perspektiven erstellt. Diese dienen später als Vorlage für die Dekorationsmaler:innen und zur Orientierung für Formenbauer:innen der Meißner Manufaktur.
Im nächsten Schritt wird geprüft, ob alle physischen Gipsformen der Figur vollständig im Formenarchiv erhalten sind:
Wenn alle ursprünglichen Negativformen vorhanden sind, geht es weiter mit Schritt 3.
Wenn einzelne Formen fehlen, erfolgt eine digitale Rekonstruktion der Figur in Schritt 4.
Alle alten physischen Negative werden aus dem Formenarchiv entnommen. Fahre fort mit Schritt 8.
Liegt keine vollständige Formengruppe vor, wird die gesamte physische Porzellanfigur mittels Streifenlichtprojektion digitalisiert. Das erzeugte 3D-Modell wird im Anschluss digital überarbeitet: Reflexionsbedingte Artefakte und Datenlücken – etwa durch glasierten oder metallisch verzierten Oberflächen – werden manuell geschlossen. Zudem werden fehlende Hinterschneidungen ergänzt. Bei Hinterschneidungen handelt es sich um Rücksprünge oder Vertiefungen, die aus bestimmten Perspektiven nicht sichtbar und daher schwer erfassbar sind, für die spätere Entformbarkeit jedoch technisch erforderlich sind.
Anschließend wird die Figur digital in sinnvolle Einzelteile zerschnitten. Dabei entstehen neue, geeignete Schnittflächen, um formbare Segmente für den Druck zu erhalten.
Diese digitalen Segmente werden mit Resin in einem SLA-Druckverfahren als Positivteile hergestellt.
Aus den gedruckten Positivteilen werden Gipsformen gegossen.
Diese Formen werden mit Ton ausmodelliert.
Die entstandenen Tonteile werden zu einer vollständigen Tonfigur zusammengesetzt und von Fachkräften der Meißner Manufaktur handwerklich nachbearbeitet.
Diese Tonfigur wird erneut zerschnitten, wobei Ansatzstriche eingeritzt und Ansatzflächen nummeriert werden. Das gewährleistet eine eindeutige und verdrehsichere Zusammensetzung der Einzelteile. Zusätzliche Belagelemente wie Bänder, Blüten oder Blätter werden separat behandelt und für eigene Formen vorgesehen.
Alle überarbeiteten Tonteile werden nun 3D-gescannt, wobei Störartefakte entfernt, Löcher geschlossen und fehlende Hinterschneidungen ergänzt werden.
Im Anschluss werden alle zur Archivierung bestimmten Daten und Metadaten gesammelt und in ein strukturiertes Archivpaket (SIP) überführt.
Dazu gehören:
3D-Daten der finalen Einzelsegmente im STL- und glTF-Format, die zur Erstellung von Gussformen relevant sind.
Wurde in Schritt 4 ein farbiges3D-Modell der gesamten Figur erstellt, das für Dekorationsmaler:innen relevant ist, wird dieses ebenfalls archiviert.
Scandaten (Punktwolken) im E57-Format, aus denen man Bearbeitungsschritte nachvollziehen kann.
Farbkalibrierte Fotos der Oberflächenbemalungen für Dekorationsmaler:innen im TIFF-Format mit eingebetteten ICC-Profilen und zugehöriger Farbmischungsliste.
Ebenso werden farbkalibrierte Fotos der gesamten Figur für Formenbauer:innen eingeliefert.
Schließlich werden deskriptive, technische, strukturelle und rechtlicheMetadaten, welche die Figur, zugehörige Tonteile sowie ihre signifikanten Eigenschaften beschreiben, aufbewahrt.
Dieses SIP wird in ein digitales Langzeitarchiv überführt, wo regelmäßig Maßnahmen zur Sicherung der Datenintegrität (z. B. Prüfsummenchecks) und Nutzbarkeit (z. B. Formatmigrationen) erfolgen.
Wenn zu einem späteren Zeitpunkt eine Reproduktion erforderlich wird, werden die archivierten Daten aus dem Archivsystem ausgespielt.
Die finalen Tonteile werden dann erneut aus Resin gedruckt.
Anschließend werden aus ihnen Formen aus Gips gegossen.
Auf Grundlage dieser Formen erfolgt die Reproduktion der Porzellanfigur mit traditionellen handwerklichen Methoden: Die Formen werden mit Porzellan ausgeformt, die gewonnenen Porzellanteile zusammengesetzt und überarbeitet. Abschließend folgen Glasur, Bemalung, Dekoration, Brand und Veredelung durch die Meißner Manufaktur. Dabei werden ausgespielte Metadaten, Fotos und 3D-Daten als Referenz genutzt, um eine möglichst originalgetreue Reproduktion gemäß dem historischen Vorbild zu erreichen.