Die Bewahrung des kulturellen Erbes ist heute stärker denn je von digitalen Strategien abhängig. Museale Sammlungen stehen nicht nur vor klassischen Gefahren wie Zerfall, Naturkatastrophen oder kriegerischen Konflikten, sondern zunehmend auch vor technischen Risiken wie beschädigten Datenträgern oder veralteten Dateiformaten. Die digitale Langzeitarchivierung bietet hier die Möglichkeit, kulturelle Unikate über Generationen hinweg authentisch und reproduzierbar zu erhalten.
Ziel dieser Handreichung ist es, einen praxisnahen Leitfaden zu entwickeln, der die Verbindung von Digitalisierung, Langzeitarchivierung und physischer Reproduktion exemplarisch aufzeigt. Im Mittelpunkt steht die Frage: Welche digitalen Informationen müssen heute erzeugt und gesichert werden, damit morgen eine originalgetreue Nachfertigung möglich ist?
Als Referenzobjekt wurde bewusst eine Figur aus Meißner Porzellan gewählt. Diese Materialgattung vereint mehrere Eigenschaften, die sie zu einem besonders geeigneten Use Case machen:
Im Mittelpunkt steht die 1734 von Johann Joachim Kändler geschaffene Figur eines Kakadus. Sie gilt nicht nur als Meisterwerk barocker Porzellankunst, sondern auch als exemplarisches Beispiel für die Herausforderungen digitaler Reproduzierbarkeit: komplexe Formen, feinste Details und eine farbintensive Polychromie, die den naturalistischen Charakter der Figur unterstreicht.
Die exemplarische Betrachtung dieser Figur dient der Entwicklung einer Methodik, die sich auch auf andere kulturhistorisch wertvolle Objekte übertragen lässt. Ziel ist nicht allein die Sicherung digitaler Daten, sondern die Etablierung eines vollständigen digitalen Reproduktionsökosystems, das Geometrie, Materialität, Farbigkeit, Kontext und handwerkliches Wissen gleichermaßen dokumentiert.
Wieder da: Der Kändler-Kakadu – Porzellanfigur nach Einsturz rekonstruiert
Dresden, den 23. Mai 2076 | Staatliche Kunstsammlungen Dresden

Ein Jahr nach dem Teileinsturz im Dresdner Zwinger kehrt ein besonderes Stück der Sammlung in die Öffentlichkeit zurück: Die barocke Porzellanfigur eines Kakadus, 1734 von Johann Joachim Kändler entworfen, konnte originalgetreu rekonstruiert werden – ein Meilenstein für den Kulturgutschutz im digitalen Zeitalter.
Die prachtvoll bemalte Figur, einst für die königliche Porzellanmenagerie im Japanischen Palais geschaffen, war 2075 während der Bauarbeiten für die neue U-Bahn-Linie irreparabel zerstört worden. Grundlage der Rekonstruktion bildeten hochauflösende 3D-Modelle, farbkalibrierte Fotografien und strukturierte Metadaten, die seit 2025 im Rahmen des Förderprogramms NEUSTART KULTUR OAIS-konform archiviert und über Jahrzehnte hinweg gepflegt wurden.
In enger Zusammenarbeit mit der Staatlichen Porzellan-Manufaktur Meissen konnte der Kakadu auf dieser Basis neu gefertigt werden. Form, Größe, Oberflächenstruktur und Dekor wurden so detailgetreu reproduziert, dass die Figur vom Original kaum zu unterscheiden ist.
„Wir haben auf Datensätze zurückgegriffen, die 2025 mit äußerster Sorgfalt erstellt wurden – einschließlich präziser Geometriemodelle und dokumentierter Farbreferenzen. Das hat eine Rekonstruktion ermöglicht, die den musealen Anforderungen vollständig gerecht wird.“ (Martha Hübsch, Restauratorin für Porzellan an den SKD)
Der rekonstruierte Kakadu ist ab sofort wieder in der Porzellansammlung im Zwinger zu sehen – als mahnendes Symbol für die Verletzlichkeit kulturellen Erbes und als Erfolgsgeschichte digitaler Langzeitstrategie.
Abb. 1: Foto während der Rekonstruktion 2076 (Urheber:in: Sabine Peinelt, mit freundlicher Genehmigung der SKD Wayback, CC BY-SA 4.0).