Die digitale Langzeitarchivierung verfolgt das Ziel, digitale Informationen – einschließlich Kontext, Bedeutung und Nutzbarkeit – über Jahrzehnte hinweg authentisch zu erhalten. Anders als bei kurzfristiger Datensicherung (Backup) geht es nicht nur um die technische Wiederherstellung, sondern um den dauerhaften Zugang zu digitalen Kulturgütern als bedeutungstragende Objekte.
2.1.1 Archivierung ≠ Backup
Ein Backup dient der kurzfristigen Wiederherstellung nach einem Datenverlust, speichert meist keine normierten Metadaten und bietet keine Garantien für zukünftige Lesbarkeit oder Formatstabilität.
Die digitale Langzeitarchivierung hingegen ist ein systematischer Prozess, der auf formaler, inhaltlicher und organisatorischer Ebene auf Erhaltung angelegt ist: Sie erfordert unter anderem die Auswahl geeigneter Datenformate, die Beschreibung signifikanter Eigenschaften, die Verwaltung technischer Metadaten und die Definition von Erhaltungsmaßnahmen (z. B. Migration oder Emulation).
2.1.2 Bitstream und Content: Zwei Erhaltungsebenen
Die digitale Langzeitarchivierung verfolgt zwei komplementäre Strategien, die gemeinsam den dauerhaften Zugang zu Kulturgütern sichern:
Bitstream Preservation: Diese Ebene konzentriert sich auf den unveränderten Erhalt des digitalen Bitstroms. Durch georedundante Speicherung, Prüfsummenprüfungen und regelmäßiges Refreshing wird sichergestellt, dass die ursprünglichen Dateien intakt bleiben und nicht unbemerkt beschädigt oder verändert werden. Im Projektkontext betrifft dies etwa die gesicherte Aufbewahrung von Rohdaten aus 3D-Scans oder hochaufgelösten Fotografien.
Content Preservation: Hier geht es über die reine Datenerhaltung hinaus: Ziel ist die langfristige Nutzbarkeit und Interpretierbarkeit der Inhalte. 3D-Modelle, Fotografien mit Farbprofilen, Metadaten und Kontextinformationen werden so dokumentiert, dass ihre inhaltlichen Bedeutungen und Beziehungen nachvollziehbar bleiben – etwa Proportionen, Farbigkeit, Materialeigenschaften, Herstellungsprozesse und kulturelle Zusammenhänge. Dadurch stehen die Daten dauerhaft für Präsentation, Reproduktion, Restaurierung und Forschung zur Verfügung.
2.1.3 Der Weg ins digitale Langzeitarchiv
Die Aufnahme digitaler Objekte in ein digitales Langzeitarchiv folgt einem strukturierten Prozess, der sich an etablierten Standards wie dem Open Archival Information System (OAIS)-Modell oder den Empfehlungen des deutschen Kompetenznetzwerks für die Langzeitarchivierung und Langzeitverfügbarkeit digitaler Ressourcen nestor orientiert. Ziel ist es, digitale Informationen nicht nur sicher zu speichern, sondern auch deren Kontext, Aussagekraft und Nutzbarkeit über Jahrzehnte hinweg zu erhalten. Der Weg gliedert sich in folgende Schritte:
Abb. 2: Schematische Darstellung des Wegs von Materialien in ein digitales Langzeitarchiv
Archivwürdigkeit bewerten:
Zu Beginn steht die Einschätzung, ob ein Objekt langfristig bewahrt werden soll – etwa aufgrund seiner kulturhistorischen, wissenschaftlichen oder dokumentarischen Bedeutung. Diese Bewertung entscheidet darüber, ob das Material in ein digitales Langzeitarchiv übernommen wird. Bei musealen Beständen erfolgt dies häufig in enger Abstimmung mit Sammlungsstrategie, Konservierungszielen oder Restaurierungsbedarf.
Rechtliche und ethische Aspekte klären:
In dieser Phase werden urheberrechtliche Rahmenbedingungen, Persönlichkeitsrechte oder potenziell sensible Inhalte geprüft. Dies umfasst auch ethische Bewertungen in Bezug auf Provenienzkontexte: So kann etwa die Digitalisierung und Reproduktion einer Porzellanfigur mit kolonialer Motivik oder problematischer Sammlungsgeschichte eine differenzierte Bewertung erfordern. Wird ein Exemplar der Meißner Porzellanmenagerie digitalisiert, das historisch im kolonialen Kontext präsentiert wurde (z. B. als Allegorie auf „exotische Tiere“ oder außereuropäische Reiche), sollte geprüft werden, ob seine digitale Reproduktion heute kommentierungsbedürftig oder in der Zugänglichkeit einzuschränken ist. Solche Fragen betreffen nicht nur den Zugang, sondern auch mögliche Rückgabekontexte, Transparenzpflichten oder Mitspracherechte betroffener Gruppen.
Signifikante Eigenschaften definieren:
Um sicherzustellen, dass ein Objekt nicht nur technisch, sondern auch inhaltlich erhalten bleibt, werden seine bedeutungstragenden Merkmale identifiziert – etwa Form, Oberflächentextur, Farbwerte oder Maßverhältnisse. Sie bilden die Grundlage für den Erhalt des digitalisierten Objekts durch das Langzeitarchiv. Bei Reproduktionsprojekten sind diese Merkmale entscheidend für die spätere handwerkliche Umsetzung.
Archivfähige Formate auswählen:
Nur standardisierte, offene und gut dokumentierte Formate gewährleisten langfristige Lesbarkeit. Daher werden Zielformate für 3D-Geometrie (z. B. glTF, E57), Farbdaten (z. B. TIFF, ICC) und Metadaten (z. B. MODS, METS) definiert – in Abstimmung mit den Anforderungen digitaler Archive.
Digitalisierung durchführen:
Das physische Objekt (z. B. eine Porzellanfigur) wird nach technischen Vorgaben digitalisiert. Je nach Objekt und Zielstellung können dies 3D-Scans, farbkalibrierte Fotografien, Materialanalysen oder kombinierte Verfahren sein.
Metadaten erfassen (fortlaufend):
In allen Phasen werden technische (z. B. Auflösung, Gerät), deskriptive (z. B. Künstler:in, Datierung), administrative (z. B. Rechte, Zugriffsbedingungen) und strukturelle Metadaten (z. B. Segmentierung in Objektteile) erfasst. Diese Informationen sind unerlässlich für Kontextualisierung, Zugänglichkeit und zukünftige Nutzung – z. B. in Forschung, Reproduktion oder Provenienzklärung.
Informationspaket zusammenstellen:
Alle Daten und Metadaten werden zu einem validierten Submission Information Package (SIP) gebündelt. Dieses strukturiert sämtliche Komponenten so, dass sie archiviert, versioniert und perspektivisch automatisiert verarbeitbar bleiben.
Einlieferung ins digitale Archiv:
Das SIP wird an ein digitales Archivsystem übergeben. Dort erfolgt kontinuierlich die Integritätsprüfung (Bitstream Preservation) sowie die Planung technischer Erhaltungsmaßnahmen (z. B. Migration, Formatprüfung), um die inhaltliche Nutzbarkeit langfristig sicherzustellen (Content Preservation).
Weitere Informationen zum Weg von Materialien in ein digitales Archiv:
nestor-Arbeitsgruppe Standards für Metadaten, Transfer von Objekten in digitale Langzeitarchive und Objektzugriff (Hg.): Wege ins Archiv: Ein Leitfaden für die Informationsübernahme in das digitale Langzeitarchiv, 2009. https://doi.org/10.18452/1527
2.1.4 Das OAIS-Modell als Referenzrahmen
Die in dieser Handreichung vorgestellten Arbeitsprozesse orientieren sich am Open Archival Information System (OAIS) – einem internationalen Referenzmodell zur digitalen Langzeitarchivierung, das als ISO-Norm (ISO 14721:2012) anerkannt ist. Es beschreibt die zentralen Funktionen, Rollen und Informationspakete, die notwendig sind, um digitale Objekte dauerhaft verfügbar und interpretierbar zu halten.
OAIS unterscheidet drei Arten von Informationspaketen:
das Submission Information Package (SIP), das aus der Digitalisierung hervorgeht,
das Archival Information Package (AIP), das im Archiv zur Erhaltung dient,
und das Dissemination Information Package (DIP), das bei Bedarf an Nutzer:innen ausgegeben wird.
Im konkreten Anwendungsfall – der Reproduktion von Meißner Porzellanfiguren – enthält das SIP beispielsweise:
geometrische 3D-Daten,
farbkalibrierte Fotografien,
dokumentierte Maße,
strukturierte Metadaten,
sowie Rechte- und Provenienzinformationen.
OAIS hilft dabei, diese heterogenen Daten so zu strukturieren, dass sie über Jahrzehnte hinweg erhalten, überprüft, migriert und zugänglich gemacht werden können – unabhängig von Softwareumgebungen oder technologischem Wandel. Damit bildet das OAIS-Modell den methodischen Rahmen, in dem die hier dokumentierte Strategie zur digitalen Sicherung und Reproduzierbarkeit eingebettet ist.
Weitere Informationen zum OAIS-Referenzmodell:
Rudnik, Pia (Regisseurin): Crashkurs Digitale Langzeitarchivierung – das Referenzmodell Open Archival Information System (OAIS) [Video], 2020. https://doi.org/10.5281/zenodo.3984982
2.1.5 Signifikante Eigenschaften und ihre Spezifität
Für die physische Reproduktion von Porzellanfiguren auf Grundlage digitaler Daten sind sogenannte signifikante Eigenschaften von zentraler Bedeutung. Sie bezeichnen jene Mindestanforderungen an digitale Informationen, die in einem Archiv dauerhaft erhalten bleiben müssen, um auch nach Jahrzehnten eine originalgetreue Nachfertigung zu ermöglichen – im konkreten Fall in der Manufaktur Meissen.
Eine Eigenschaft gilt als signifikant, wenn ihr Verlust die originalgetreue Reproduktion verhindert. Umgekehrt ist eine Eigenschaft nicht signifikant, wenn die Figur auch ohne sie in allen wesentlichen Aspekten wiederhergestellt werden kann.
Aus den abstrakten Vorgaben signifikanter Eigenschaften leiten digitale Archive konkrete technische Anforderungen ab. Diese betreffen die Wahl geeigneter Datenformate, die Festlegung von Digitalisierungsparametern sowie die Planung künftiger Erhaltungsmaßnahmen. Deshalb müssen die signifikanten Eigenschaften spätestens vor Beginn der Digitalisierung klar definiert sein.
Ein Beispiel ist die geometrische Außenform einer Porzellanfigur: Sie bestimmt unmittelbar die Formtreue der Reproduktion und gilt daher als signifikant. Um diese Eigenschaft langfristig zu sichern, genügt ein 3D-Datensatz allein nicht. Ergänzend müssen auch physikalische Maßeinheiten (z. B. Höhe, Breite, Tiefe in Millimetern) dokumentiert und mit dem digitalen Modell verknüpft archiviert werden.
Die Festlegung signifikanter Eigenschaften erfolgt stets use-case-spezifisch und richtet sich nach den geplanten Nutzungsszenarien.
Weitere Informationen zu signifikanten Eigenschaften:
Signifikante Eigenschaften. Digitale Langzeitarchivierung an der TIB – TIB Wiki, 2023. TIB
Weitere Informationen zu digitaler Langzeitarchivierung:
Heseler, J. / Büttner, A. / Arnold, M.: Grundlagen der digitalen Langzeitarchivierung. Eine Handreichung zur digitalen Langzeitarchivierung aus Perspektive der NFDI4Culture Community, 2024. https://nfdi4culture.de/id/E5342
Neuroth, H. / Oßwald, A. / Scheffel, R. / Strathmann, S. / Huth, K. (Hg.): Nestor Handbuch: Eine kleine Enzyklopädie der digitalen Langzeitarchivierung, Version 2.3, 2010. https://nbn-resolving.de/urn:nbn:de:0008-2010071949