3.2 Fehlende Forschungs- und Archivierungsnetzwerke

Während Frage 1 vor allem die unmittelbaren infrastrukturellen Voraussetzungen für Forschungspraxis berührt, richtet sich Frage 2 explizit auf das übergeordnete Netzwerk- und Kooperationsgefüge des Forschungsfeldes. Auf diese Frage antworten die Projekte übereinstimmend, dass das Problem weniger in der Anzahl solcher Netzwerke liegt, sondern in deren Fragmentierung, mangelnder Koordination und unzureichender Ausstattung. Besonders deutlich formuliert dies Steffen Albrecht, der darauf hinweist, dass zwar „immer mehr Plattformen und Archivierungs-Webseiten“ entstünden, gleichzeitig aber „jeder sein eigenes Süppchen“ koche und zentrale Kapazitäten fehlten, um Datensicherung und Bereitstellung überhaupt leisten zu können. Diese strukturelle Überlastung führt dazu, dass viele Projekte parallele, voneinander isolierte Infrastrukturen aufbauen und wertvolle Ressourcen mehrfach investieren – ein Befund, den auch die Beiträge von Christian Donner und Pascal Siegers indirekt bestätigen.

Für kleinere oder interdisziplinäre Teams verschärft sich diese Lage zusätzlich: Wie Julia Bee betont, fehlen vielerorts grundlegende personelle Infrastrukturen, methodische Tutorials oder unterstützende Kompetenzzentren, sodass das Wissen über digitale Methoden und Archivierungsstrategien stark ungleich verteilt bleibt.

Ein weiteres grundlegendes Problem betrifft die Intransparenz der Plattformarchivierung. Besonders TikTok, aber auch andere Plattformen, löschen Inhalte unvorhersehbar oder machen Archivfunktionen nicht zugänglich, was eine verlässliche Forschungsarchivierung erheblich erschwert. Die daraus resultierenden Lücken und Unsicherheiten können durch bestehende Netzwerke kaum abgefangen werden.

Insgesamt zeigen die Sessions, dass nicht zusätzliche Netzwerke fehlen, sondern eine Stärkung, Bündelung und Professionalisierung der vorhandenen Strukturen notwendig ist. Die zentralen Defizite liegen weniger in der Anzahl der Netzwerke als in deren Fragmentierung, mangelnder Ausstattung, geringer Interdisziplinarität und Abhängigkeit von intransparenten Plattformpraktiken. Eine nachhaltig angelegte Social-Media-Forschungsinfrastruktur müsste daher vor allem auf Koordination, Kapazitätsaufbau und strukturelle Verbindlichkeit zielen.