Über alle drei Sessions hinweg zeigt sich, dass zentrale infrastrukturelle Bedarfe nicht in einzelnen technischen Lösungen liegen, sondern in strukturellen Rahmenbedingungen, die Social-Media-Forschung überhaupt erst ermöglichen. Die Projekte arbeiten mit dynamischen Plattformdaten, sensiblen Inhalten und oft hohen technischen Anforderungen. Entsprechend richtet sich der Blick auf langfristige, verlässliche und gemeinschaftlich nutzbare Infrastrukturen.
Ein wiederkehrender Punkt ist der Bedarf an nachhaltigen, grundfinanzierten Infrastrukturen, die nicht mit dem Ende einzelner Förderphasen verschwinden. Pascal Siegers betont, dass Projektergebnisse in dauerhafte Systeme überführt werden müssten, um Kontinuität und Nachnutzung zu sichern und er bei der Community-Datentreuhand AVERA in diese Richtung bereits vorausdenkt: „Wir haben […] vorgesehen, dass wir […] die Arbeitsergebnisse dann in die existierenden grundfinanzierten Infrastrukturen übernehmen können.“ Damit wird deutlich, dass Forschungsinfrastrukturen nicht nur Werkzeuge bereitstellen, sondern auch institutionell verstetigt sein müssen.
Eng verknüpft mit diesem Bedarf ist der Wunsch nach der Reduktion redundanter Parallelstrukturen. Eine Vielzahl von Projekten bauen eigene Erhebungs- und Verarbeitungsroutinen auf, obwohl ähnliche Workflows andernorts existieren. Christian Donner fasst dieses Problem prägnant zusammen: „Jedes Forschungsteam baut eigentlich noch so ihre eigenen Sachen auf […]. Und das sind dann teilweise erheblich Aufwände, die in verschiedensten Forschungsgruppen mehrmals entstehen.“ Auch Ina Ni und Isabel Bezzaoui betonen die Bedeutung geteilter Ressourcen und sprechen sich dafür aus, Daten und Werkzeuge so aufzubereiten, dass sie von anderen genutzt werden können.
Ein drittes Thema betrifft die Strukturierung von Datenzugängen gegenüber Plattformen. Mehrere Projekte – von Monitoringansätzen bis zu no-code-basierten Analyseumgebungen – sind auf API- oder Stream-Daten angewiesen, die zunehmend schwer zugänglich sind oder hohe Gebühren verursachen. Jasmin Riedl bringt diese Problematik klar auf den Punkt: „Wir können in SPARTA hingehen und legen einfach einen Haufen Geld auf den Tisch, aber das können viele Forschende nicht.“ Der Zugang zu Social-Media-Daten wird damit zu einer Frage wissenschaftlicher Gleichberechtigung und benötigt regulierte Rahmenbedingungen.
Daneben erscheint Infrastruktur auch im Sinne von Austauschformaten und multiperspektivischen Räumen. Elena Pilipets wünscht sich Formate, die es erlauben, „zusammenzukommen, um multiperspektivische Zugänge zu Social-Media-Daten“ zu entwickeln. Hier wird Infrastruktur als sozialer Raum verstanden, in dem Wissenszirkulation, interdisziplinäre Begegnungen und methodische Reflexion ermöglicht werden. Steffen Albrecht ergänzt den Bedarf an niedrigschwelliger technischer Infrastruktur, die auch kleineren Teams den Zugang zu geeigneten Analyseumgebungen erlaubt.
Schließlich wird deutlich, dass Infrastruktur nicht nur technologiebezogene Fragen umfasst. Projekte benötigen rechtliche, organisatorische und IT-sicherheitsbezogene Unterstützung, etwa bei Datenschutz, Datenhaltung oder Kooperationsvereinbarungen. Jasmin Riedl verweist darauf, dass solche Strukturen häufig erst während des Projekts erarbeitet werden müssen, obwohl sie zu Beginn besonders wichtig wären: „Wir hätten 2021 sehr viel Unterstützung gebraucht […], zum Beispiel, wie wir Daten sicher ablegen, datenschutzkonform damit umgehen.“ Die Beispiele verdeutlichen, dass fehlende rechtliche und organisatorische Grundstrukturen Projekte nicht nur erschweren, sondern auch ihre Dynamik deutlich bremsen: Werden datenschutz- und sicherheitsrelevante Fragen erst im laufenden Betrieb geklärt, führt dies zu vermeidbaren Verzögerungen, inkonsistenten Workflows und einer strukturellen Ineffizienz, die insbesondere in zeitkritischen Forschungsfeldern wie dem vorliegenden äußerst schwer wiegt.
Insgesamt zeigt Frage 1, dass Social-Media-Forschung eine breit verstandene Infrastruktur braucht, die technische Systeme, rechtliche Orientierung, Austauschformate und nachhaltige Ressourcen miteinander verbindet. Die Bedarfe reichen von stabilen – und für alle Forschenden gleichermaßen zugänglichen wie bezahlbaren – Plattformzugängen über gemeinsame Daten- und Toollandschaften bis hin zu organisatorischem Support und interdisziplinärer Kooperation. Erst ein Zusammenspiel dieser Aspekte ermöglicht belastbare Forschungspraxis in dynamischen digitalen Öffentlichkeiten.